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am 23. Jänner 2016

Was Barrierefreiheit ausmacht! Auf Lokalaugenschein im 8.

Webredaktion der Grünen Josefstadt - Auf Lokalaugenschein im 8.

Was Barrierefreiheit ausmacht: Auf Lokalaugenschein im 8.


Trotz Gesetzen und Richtlinien sind viele Häuser, Straßen, Wege und Verkehrsflächen noch nicht barrierefrei. Wer mit einem Kinderwagen oder Einkaufswagen unterwegs ist, weiß das. Aber wie mag es sein, sich mithilfe von Krücken, einem Rollator oder gar einem Rollstuhl fortbewegen zu müssen? Bei einem Rundgang durch ihre Nachbarschaft im achten Bezirk demonstriert die auf Stock oder Rollator angewiesene Eva Maria Widmair, welche Hürden es für Menschen mit eingeschränkter Mobilität gibt und wie man mit einfachen Verbesserungen ihr Leben erleichtert oder erleichtern könnte.

Eva Maria Widmair sitzt auf dem neu aufgestellten Stuhl in der Laudongasse, die graue Jacke fest verschlossen, lange blonde Haare, der Rollator neben ihr. Dieser in der Albertgasse/Ecke Laudongasse im öffentlichen Raum errichtete Stuhl bedeutet viel für sie, sagt die selbstständige Lektorin. Dort ruht sie sich aus, wenn sie von ihrer Wohnung am Albertplatz Richtung Josefstädter Straße geht. Die Pflastersteine auf dem Weg dorthin findet sie zwar schön, allerdings seien sie schwer zu bewältigen, wenn sich die Beine nicht gut anheben lassen oder man mit dem Rollator unterwegs sei. Daher überlegt sie, trotz Umweg in Zukunft die Straßenseite zu wechseln. Aber auch das ist eine Anstrengung für sie, die mit Anfang 30 die Diagnose Multipler Sklerose (MS) bekam. Seit damals kämpft sie um ihre Gesundheit und um ihre Selbstständigkeit

In ihrem Haus am Albertplatz, in dem sie seit 13 Jahren lebt, kennen und schätzen die anderen BewohnerInnen die promovierte Germanistin. Ihre Nachbarin, die grüne Bezirksrätin Birgit Forgó-Feldner, meint: „Gemeinsam sucht die Nachbarschaft nach Lösungen, damit Frau Widmair alleine das schwere Haustor passieren kann. Die neuen gesetzlichen Vorgaben, nicht nur öffentliche Gebäude, sondern auch Wohnhäuser so zu gestalten, dass sie für Menschen mit körperlichen Einschränkungen geeignet sind, sind eine Herausforderung, die wir gemeinsam bewältigen wollen. Gesunden Menschen müssen ja oft erst die Augen geöffnet werden, worin die Barrieren liegen."

Eva Maria Widmair mit Rollator auf Lokalaugenschein in der Josefstadt

Seit Jänner dieses Jahres ist das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz in vollem Umfang in Kraft, das heißt, der Diskriminierungsschutz für Leute mit Behinderungen gilt auch für Altbauten. Bei mangelnder Umsetzung der Vorgaben können die Betroffenen Schadenersatzklagen erheben, wenn zuvor eingeleitete Schlichtungsverfahren keine Einigung gebracht haben. Im Wohnhaus von Frau Widmair stehen demnächst Umbaumaßnahmen an, die es ermöglichen werden, einen Lift mit größerer Innenkabine als bisher barrierefrei vom Innenhof aus zu benutzen. Frau Widmair hofft auf einen gut funktionierenden Liftbetrieb. Denn jede Aufzugsstörung ist für sie gleichbedeutend mit Hausarrest.

Manche Maßnahmen für mehr Barrierefreiheit sind ganz leicht zu bewerkstelligen. Zum Beispiel kann man für wenig Geld Kabelüberbrücker kaufen, die RollstuhlfahrerInnen oder RollatorbenutzerInnen das Überwinden kleinerer Schwellen an Haus- oder Geschäftseingängen erleichtern. Zu steile Rampen, die reine Alibifunktion haben, sind keine Hilfen, erzählt Frau Widmair, die früher begeisterte Tänzerin und Bergwanderin war. Auch zu hohe Stufen wie etwa beim ehemaligen „Zielpunkt“ in ihrer Nachbarschaft erschweren das Leben, sagt sie. Für eine Stufe von 20 Zentimetern Höhe muss man eine Rampe von zirka drei Metern planen, soll sie denn gut benutzbar sein.

Selbst niedrige Gehsteigkanten und Schwellen fordern viel Kraft und Geschicklichkeit mit dem Rollator, die die BenutzerInnen oft nicht haben, aber auch bei barrierefreien Zugängen gibt es häufig unbewältigbare Hindernisse. Im Café Hummel etwa ist zwar der Eingang barrierefrei, die Eingangstür aber öffnet sich nicht. „Wie soll man die, hinter dem Rollator stehend oder im Rollstuhl sitzend, öffnen bitteschön? Sie ist breit und schwer und man müsste sie zudem einem selber entgegen aufziehen, und das mit so viel Kraft, wie sie selbst Gesunde nur haben, wenn sie auf festem Grund stehen. Also: Unmöglich!“, meint Eva Maria Widmair.

Barrierefreiheit ist nicht als Gnadenakt anzusehen, sondern zielt auf eine Welt ab, in der alle Menschen selbstständig unterwegs sein und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Für Eva Maria Widmair heißt das auch, dass Haltestellen mit Sitzgelegenheiten ausgestattet sein müssen. Etwa die 13A-Station hinter dem Theater in der Josefstadt ist für sie ein Problem. Das Fehlen einer Sitzgelegenheit macht es ihr unmöglich, dort auf den Bus zu warten.

Bei Bus, Straßenbahn und U-Bahn sieht sie noch einiges zu tun. Frau Widmair fordert reduzierte Tickets für Menschen mit Behinderungen, wie es in anderen Städten oder auch bei den ÖBB üblich ist. „Aber zuerst muss man es einmal schaffen, mit einem Rollator oder auf Krücken in die Straßenbahn einzusteigen. Nicht nur die alten Garnituren sind hier ein Problem, es darf auch der Abstand zwischen Randstein und Einstieg nicht zu groß sein. Bei der Station vor dem Café Hummel etwa ist das Problem leider gegeben.“ Wesentlich wäre auch, dass es Tickets für Kurz- und Kürzeststrecken gibt, die ein Mensch mit körperlichen Schwierigkeiten nur schwer oder gar nicht zu Fuß bewältigen kann.

Das neue behindertengerechte WC im Schönbornpark freut die Lektorin. Trotzdem geht es ihr mit der Durchführung der allgemeinen Barrierefreiheit viel zu langsam. Erkenntnisse aus dem Rundgang mit Eva Maria Widmair durch ihre Nachbarschaft werden die Grünen in das Bezirksparlament einbringen. „Im Laufe unseres Lebens werden wir jedenfalls mit dem Thema konfrontiert: ob wir mit schweren Einkaufstaschen bepackt sind, einen Kinderwagen schieben, nach einer Sportverletzung auf Krücken humpeln oder RollstuhlfahrerInnen helfen. Ich habe erst neulich beschämt die Freude einer älteren Dame gespürt, der ich half, mit ihrem Rollator ein paar Treppen zu ihrer Wohnung im Mezzanin hochzukommen. Sie hätte es alleine nicht geschafft und hatte offenbar schon einige Zeit auf Hilfe gewartet“, meint die grüne Bezirksrätin Forgó-Feldner. „Wir müssen achtsamer sein und helfen, wo wir können – bei kurzen Begegnungen ebenso wie in der Umsetzung größerer baulicher Veränderungen. Was für die meisten von uns nur ein kleiner Schritt ist, ist für manche eine riesige Hürde.“ Von der Barrierefreiheit profitieren nicht nur diejenigen, die dauerhaft durch eine Gehbehinderung beeinträchtigt sind, sondern auch die, die nur zeitweilig feststellen müssen, wie mühsam es mit engen und verstellten Gehsteigen, schmalen Eingängen oder aufzuglosen Wohnhäusern ist.